am Donnerstag, dem 17. September, eine Minute nach Mitternacht, ging der whatif? Report 2026 online. Noch am selben Tag meldete die Frankfurter Allgemeine, das Tempo beim Klimaschutz lasse nach. Neunzehn weitere Beiträge folgten, von tagesschau.de bis zur Börsen-Zeitung.
Hinter den Schlagzeilen steht eine Zahl: 26 der 71 untersuchten Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX lagen 2025 auf einem Paris-kompatiblen Kurs, im Vorjahr waren es noch 28. Die meisten Überschriften erzählten deshalb vom Tempo. Uns beschäftigt seither eine andere Zahl. Von 27 Unternehmen, die ein Paris-konformes Klimaziel kommunizieren, sind nur 10 auf Kurs.
Ein Ziel sagt, wohin ein Unternehmen will. Der Kurs sagt, wo es steht. Dazwischen liegt der Weg, und nach ihm fragen seit dem 27. September auch die neuen UWG-Regeln. Diese Ausgabe geht ihm an drei Orten nach: in den Zahlen des Reports, im Recht und auf einer Reise durch China.
📊 whatif? Report 2026: Der Kurs zählt
Der Report beschreibt jedes Unternehmen mit drei Werten, alle in Grad Celsius. Der Ausgangspunkt gibt an, wohin die Welt steuern würde, wenn die Welt dieselbe Klimaperformance hätte, wie dieses Unternehmen ohne zusätzliche Anstrengung. Der Zielwert berücksichtigt dabei das kommunizierte Klimaziel des Unternehmens. Der Kurs schließlich misst, wie es sich tatsächlich entwickelt hat. Um diese dritte Zahl dreht sich der Report in diesem Jahr.
Erstmals wurden alle 160 Unternehmen aus DAX40, MDAX und SDAX einbezogen, bei 71 reichten die Daten für eine Auswertung. Gemessen wird die Entkopplung: Wie weit lösen sich die Emissionen von der Bruttowertschöpfung, also von EBITDA plus Personalkosten?
Dass sie gelingen kann, zeigt z.B. Siemens Healthineers. Das Unternehmen startet von einem strukturell hohen Ausgangspunkt, 5,7 °C, und hält seit 2019 einen Kurs von 1,4 °C. Shikha Pillai, die Leiterin Nachhaltigkeit, nennt das im Interview das wichtigste Signal: Entkopplung sei möglich, wenn Klimaschutz fest im Unternehmen verankert sei und über lange Zeit konsequent umgesetzt werde.
Von Dr. Sebastian Müller, LL.M., Syndikusrechtsanwalt und Mitgründer der right. based on science GmbH
Welches Klimaziel ist EmpCo-konform? Diese Frage höre ich derzeit häufig. Sie greift zu kurz. Denn die EmpCo ist kein Zielstandard. Sie fragt nach dem Beleg für eine Aussage. Dafür müssen Ziel, Umsetzungsplan und tatsächliche Entwicklung nachvollziehbar zusammenpassen.
Seit dem 27. September gelten die EmpCo-Regeln im UWG (BGBl. 2026 I Nr. 43). Wer gegenüber Verbrauchern mit seiner künftigen Umweltleistung wirbt, braucht nach § 5 Abs. 3 Nr. 4 UWG klare, objektive, öffentlich einsehbare und überprüfbare Verpflichtungen. Diese müssen in einem detaillierten und realistischen Umsetzungsplan mit messbaren, zeitgebundenen Zielen und den erforderlichen Ressourcen festgelegt sein. Ein unabhängiger externer Sachverständiger muss den Plan regelmäßig überprüfen; seine Erkenntnisse sind Verbrauchern zugänglich zu machen.
Ein validiertes Ziel allein genügt nicht. Besonders komplex wird der Nachweis, wenn das Ziel innerhalb eines wissenschaftlichen Zielsystems validiert wird, der Plan aber ohne eine vergleichbare Bewertung seiner Klimawirkung geprüft wird. Dann stehen zwei Prüfergebnisse nebeneinander: Das Ziel wird als 1.5°C-kompatibel eingeordnet, dem Plan wird Plausibilität bescheinigt. Doch führt dieser Plan auch zu dem behaupteten Ambitionsniveau? Wer mit dem Ziel 1.5°C verspricht, muss belegen können, dass der Plan diese Zusage trägt. Ein plausibler Maßnahmenplan ohne nachgewiesenes Ambitionsniveau genügt dafür nicht. Ebenso wenig überträgt sich die 1.5°C-Einordnung des Ziels automatisch auf den Plan. Dafür braucht es eine methodisch nachvollziehbare Verbindung.
XDC verbindet diese Perspektiven. Die Target XDC übersetzt das formulierte Ziel in °C, die Scenario XDC die erwartete Wirkung konkreter Maßnahmen. Der XDC Track Record zeigt, welcher Temperaturentwicklung die bisherige Entkopplung von Emissionen und Wertschöpfung entspricht. Die gemeinsame Einheit macht vergleichbar: Wie ambitioniert ist das Ziel? Was trägt der Plan? Und in welche Richtung entwickelt sich das Unternehmen tatsächlich? Reale Transitionspläne verlaufen dabei selten linear. Eine Anlage wird zu einem bestimmten Zeitpunkt ersetzt, eine Prozessumstellung wirkt erst nach ihrer Inbetriebnahme. Ein Endpunktziel allein zeigt nicht, wie viele Emissionen bis dahin entstehen. XDC bewertet den Maßnahmenpfad deshalb gegen ein kumuliertes Emissionsbudget. Damit werden die Folgen verzögerter Maßnahmen und der verbleibende Spielraum sichtbar.
Vergleichbarkeit schafft eine Grundlage für die Prüfung. Die °C-Kennzahl allein bestätigt noch nicht, dass ein Plan realistisch ist. Maßnahmen, Annahmen, Verantwortlichkeiten, Termine und Ressourcen müssen nachvollziehbar belegt sein. XDC macht deren Klimawirkung mit dem Ziel vergleichbar; die unabhängige Prüfung beurteilt die Belastbarkeit der zugrunde liegenden Angaben. Die regelmäßige Überprüfung berücksichtigt tatsächliche Entwicklung und veränderte Annahmen. Trägt der Plan die kommunizierte Zusage nicht, muss das Unternehmen den Plan nachschärfen oder die Aussage begrenzen. XDC macht diesen Zusammenhang überprüfbar.
Den Ehrgeiz bestimmt das Unternehmen. Was es darüber sagen darf, bestimmt der Beleg.
Stand September 2026, keine Rechtsberatung im Einzelfall.
🖥️ °Compass: 71 Profile, drei Zahlen
Seit dem 17. September sind die Profile aller 71 im Rahmen vom whatif? Report ausgewerteten Unternehmen in °Compass öffentlich einsehbar, jeweils mit den drei Werten des Reports. Wer Ziel und Kurs eines Unternehmens nebeneinander-legen will, findet beides dort auf einen Blick. Die Profile sind Analysen von right°; einen Umsetzungsplan prüfen sie nicht.
Sebastian Müller war Anfang September elf Tage lang mit einer deutschen Delegation in China unterwegs.
Auf einer Autofahrt in Zhuhai erklärt mir Zhang von der Investitionsförderung, wie die Planung von Gewerbegebieten funktioniere. Neben der erwarteten Wirtschaftsleistung stehe ein Emissionsbudget. Wie es bemessen wird, klären wir nicht. Den Gedanken nehme ich trotzdem mit: Das Klima kommt hier schon ins Spiel, wenn entschieden wird, welche Produktion überhaupt einen Standort bekommt.
Der Sinologe Klaus Mühlhahn, Professor an der Freien Universität Berlin, ist mitgereist und ordnet das ein: Lokale Verwaltungen müssten Wachstum mit den nationalen Klimazielen verbinden. „Ein CO₂-Budget kann deshalb bereits die Auswahl neuer Ansiedlungen steuern, ohne im bestehenden Betrieb als ausdrückliche Vorgabe anzukommen.“ Den Rahmen dafür setzen Chinas „Dual Carbon“-Ziele: der Höchststand der Emissionen vor 2030, Kohlenstoffneutralität vor 2060.
Mit meinem Lieblingsthema, Klimazielen und Transitionsplänen, dringe ich in den Gesprächen weniger durch als erhofft. Nach künstlicher Intelligenz dagegen fragt fast jeder.
Greifbar wird das Klima erst dort, wo eine Entscheidung ansteht. Bei ABB Robotics in Zhuhai lautet sie: neuer Roboter oder wiederaufgearbeiteter? Die Aufarbeitung spart laut Präsentation rund 75 Prozent CO₂ gegenüber einer Neuproduktion, und ob diese Einsparung tatsächlich eintritt, lässt sich im Nachhinein prüfen. Ähnlich konkret wird es beim Batteriehersteller CATL. Das Unternehmen hat im August angekündigt, von neuen Lieferanten ab 2027 Daten zum CO₂-Fußabdruck ihrer Produkte zu verlangen und bei vergleichbaren Bedingungen emissionsärmere Anbieter bevorzugen zu können.
Einfluss haben aber auch wir in Europa: als Käufer. 2025 importierte die EU aus China Waren im Wert von rund 559 Milliarden Euro. Wer emissionsärmere Ware verlangt und die Angaben dazu vergleichen kann, verschafft solchen Angeboten einen Markt.
Im Gründerkommentar zum whatif? Report schreiben Hannah Helmke und ich über die Grenze des eigenen Einflusses. Auf dieser Reise zeigt sich, was innerhalb dieser Grenze liegt: die nächste Fläche, die nächste Anlage, der nächste Auftrag. Dort lässt sich entscheiden, und später lässt sich nachprüfen, was die Entscheidung gebracht hat.
Die Reise fand auf Einladung der Chinesisch-Deutschen Vereinigung für Technologie und Wissenschaft e. V. statt, organisiert von der China International Investment Promotion Agency (Germany) GmbH, und wurde vom chinesischen Handelsministerium gefördert. Zu den mitgereisten und besuchten Unternehmen bestehen keine Geschäftsbeziehungen. Der ausführliche Reisebericht erscheint in Kürze auf right-basedonscience.de.
🎧 Weiterhören
Im Podcast „Nachhaltiges Investieren“ der Börsen-Zeitung spricht Hannah Helmke in Folge 123 über den whatif? Report 2026.
15. Oktober, online. Im Webinar „From Climate Action to Bank Recognition“ von EthiFinance und Kirchhoff Consult spricht Hannah Helmke über Klimatransitionspläne an der Schnittstelle von Nachhaltigkeitsstrategie und Finanzierung. 11:00 Uhr.
Ende Oktober, online. Zu Gast in °Clarity ist Matthias Knöß, Vorstandsvorsitzender der Nele-Neuhaus-Stiftung und Initiator des MK Klimazielfonds. Er erzählt, wie aus der Suche nach einer konsequent am 1,5-Grad-Ziel ausgerichteten Kapitalanlage ein eigener Publikumsfonds wurde und welche Rolle XDC bei der Auswahl der Unternehmen spielt. Termin und Uhrzeit folgen.
🎤 7. Oktober, Radevormwald. Der ARMID e. V., das Netzwerk der Aufsichtsräte im Mittelstand, ist zu Gast bei Gira. Hannah Helmke hält einen Vortrag, anschließend geht es auf einen Rundgang durch das Unternehmen. Auf Einladung.
💻 November, online. Eine Sonderfolge von °Clarity widmet sich der EmpCo: Was dürfen Unternehmen künftig noch über ihre Klimaziele sagen, und wie wird aus einem Ziel eine überprüfbare Aussage? Dazu stellen wir die XDC Badges vor, die Klimaziel, Umsetzungsplan und tatsächliche Entwicklung zusammenführen und durch unabhängige Zertifizierung nachvollziehbar machen sollen. Zur Vor-Anmeldung
🎤 25. und 26. November, Paris. Hannah Helmke spricht auf dem CARES Forum 2026 (Sustainability in Mobility Manufacturing). Weitere Informationen
Zum Schluss
Der Report misst den Kurs. Das Recht fragt nach dem Weg. In Zhuhai beginnt dieser Weg, wie Zhang es schildert, schon bei der Planung der nächsten Fläche. Und auch die Bundesregierung hat jüngst zu ihrem Ziel für 2045 einen Fahrplan bei den Vereinten Nationen hinterlegt. Wer seinen Kurs kennt, weiß, wo er ansetzen kann.
Bleiben Sie auf Kurs.
Herzliche Grüße
Ihr Team von right°
Zitat der Ausgabe
„Aus meiner Sicht ist die Klimatransformation kein Risiko für den geschäftlichen Erfolg, sondern ein wichtiger Beitrag zu langfristiger Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.“
Shikha Pillai, Leiterin Nachhaltigkeit bei Siemens Healthineers, im Interview für den whatif? Report 2026
right. based on science GmbH, Kaiserstraße 73, Frankfurt am Main, 60329, Deutschland, +49 (0) 69 979 83452